Wenn unten nicht mehr wie oben ist
>Ich kann die Bewegungen der Himmelskörper berechnen, aber nicht die Verrücktheiten der Menschen.<
(Sir Isaac Newton)
Wie oben so unten, die astrologische Signatur des Himmels soll sich idealerweise auf Erden wiederspiegeln. Der kreisende Lauf der Gestirne stimmt uns auf die Harmonie des Universums ein, gibt uns Orientierung und Lebenshilfe. Es gab jedoch Zeiten in der Menschheitsgeschichte wo die Orientierung verloren ging, wo massive Störungen und Desorientierungen bei vielen Einzelnen und in großen Teilen der Gesellschaft auftraten.
Wenn unten nicht mehr wie oben ist, wenn der Himmel sich nicht schöpferisch und kreativ, sondern disharmonisch und destruktiv auf Erden spiegelt, dann ist es wieder soweit. In der aktuellen Weltsituation geraten immer mehr Menschen und Systeme aus der universellen Ordnung und in irdische Unordnung.
Der natürliche Rhythmus
Der Besucher eines Zen-Klosters fragte den alten Meister was das Geheimnis seiner Harmonie mit dem Universum sei. Der Meister sprach: ‚Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich.‘ Der Besucher sagte: ‚Aber das mache ich doch ebenso.‘
Der alte Meister erwiderte: ‚Nein, das machst Du nicht. Wenn du sitzt, dann stehst du schon. Wenn du stehst, dann gehst du schon. Wenn du gehst, dann bist du schon angekommen.‘
(Japanische Geschichte)
Wenn ich sitze und aufstehe und hinausgehe, bewege ich mich durch eine erstaunliche Welt. Ich bin umgeben von Ampeln, Autos, E-Bikes, Smartphones und I-Pods. Dazwischen Menschen und Termine. Wenn einer der Termine beim Astrologen stattfindet und der Klient es schafft seine Kommunikationsmedien auszuschalten, sitzt plötzlich ein gestresster Erdbewohner vor mir.
Was soll ich tun? Wie kann ich dem Klienten helfen im Einklang mit seiner astrologischen Typennatur zu leben, wenn er in einer so hektischen und konfusen Welt lebt. Es ist allzu verständlich, dass sein irdischer Rhythmus schon mal aus dem Rhythmus gerät. Und es ist bemerkenswert, wie aufgedreht er mit den besten Planeten und Aspekten makrokosmisch umherfliegt und plötzlich bei kritischen Transiten und Schwächephasen im mikrokosmischen Burnout notlandet.
Ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber ich erlebe in immer mehr astrologischen Fällen erstaunliche rhythmische Störungen und zyklische Brüche zwischen Mensch und Kosmos. Die astrologische Aussagekraft wird dadurch in keiner Weise geschmälert. Der Himmel ist stets in Ordnung. Nur der Mensch auf Erden ringt um seine Harmonie und Ordnung.
Unsere Erdatmosphäre ist voll mit Informationswellen abertausender Satelliten, Millionen von Funkmasten, Milliarden und Billionen von Medien, Computern, Daten, Handys. Dies stört, verdrängt, verzerrt die feinstofflichen Schwingungen des Sonnensystems und der Sterne. Da geht so manch einem der gesunde Menschenverstand und die Urverbindung zum Universum verloren. Und durch die nächtliche Lichtverschmutzung nehmen wir das faszinierende Licht der Himmelsgestirne immer weniger wahr, sodass deren heilsam-magische Wirkung auf unsere Psyche und Seele sich abschwächt.
Kosmos und Chaos
>In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne.<
(Friedrich Schiller)
Kosmos heißt wörtlich übersetzt Ordnung. Sonne, Mond und Planeten bewegen sich in geordneten Bahnen, Zyklen und Rhythmen. Damit Mars nicht zu schnell wird, bremst Saturn ein bisschen. Damit die Sonne nicht zu heiß wird, kühlt der Mond ein wenig. Damit Venus nicht zu gefällig wird, stichelt Pluto heimlich. Und damit Merkur mal eine Denkpause hat, träumt Neptun zwischen den Zeilen.
Das harmonische Gleichgewicht des Sonnensystems hängt vom Wechselspiel aller Faktoren im richtigen Verhältnis zueinander ab. Fehler und Unfälle häufen sich, wenn der normale kosmische Rhythmus im Menschen aus der Balance gerät. Das Tempo ist überhöht, man agiert einseitig, unachtsam, hektisch. Mars dreht durch. Saturn macht dicht. Der Mond taucht unter. Phaethon steuert den Sonnenwagen und Uranus läuft Amok.
Solche astrologischen Symptome verheißen schicksalhafte Sternstunden. Die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung gerät in Dissonanz, sie fällt zunehmend auseinander oder stößt heftig gegeneinander. Und wer an die Astrologie glaubt, gibt nun den Sternen die Schuld daran.
Doch wer die Astrologie versteht, weiß dass es hin und wieder durchaus herausfordernde Sternstunden gibt. Ein wichtiger Teil der Astrologie-Praxis besteht darin, den Klienten zu helfen durch diese Zeiten und Konstellationen achtsam und sicher hindurch zu kommen.
Wenn jedoch des Schicksals Sterne in der eigenen Brust in krasser Unordnung sind, dann kommen kritische Himmelstransite wie gerufen, um Unglück, Unfall, Krise und Chaos zu fördern.
Die drei Gunas
Ein Wanderer verirrte sich im Wald. Da kamen drei Räuber und packten ihn. Der erste Räuber wollte ihn erwürgen und umbringen. Der zweite Räuber wollte ihn knebeln und ausrauben. Der dritte Räuber bat die beiden anderen Räuber den Wanderer am Leben zu lassen und zeigte ihm einen sicheren Weg durch den Wald zu einen Dorf hin. (Indische Geschichte)
In den indischen Weisheitslehren spielen die Gunas – die drei großen Lebensrhythmen – eine zentrale Rolle im individuellen und kollektiven Schicksal. Jeder Mensch und jede Gemeinschaft agiert innerhalb dieser drei Grundrhythmen. Der erste Rhythmus heißt Tamas. Er ist egoistisch und grob, destruktiv und zerstörerisch und führt zu Chaos und Vernichtung. Kriege und Umweltzerstörungen sind typische globale Beispiele für den Tamas-Rhythmus.
Der zweite Rhythmus heißt Rajas. Er ist kreativ und dynamisch, zielorientiert und idealistisch. Er führt zu Erfolg und Wohlstand. Die kulturellen Höhepunkte der Menschheit schwingen in diesem Rhythmus.
Der dritte Rhythmus heißt Satva. Er ist meditativ und feinsinnig, achtsam und harmonisch. Er bringt Glück und Zufriedenheit. Spirituelle Gemeinschaften, Mystiker, Meister und Heilige schwingen in diesem Rhythmus.
Der verirrte Wanderer in der Geschichte ist die Seele des Menschen. Die drei Räuber symbolisieren die Gunas. Der Tamas-Räuber will die Seele zerstören und vernichten. Der Rajas-Räuber will die Seele einbinden und für seine materialistischen Zwecke benutzen. Der Satva-Räuber will die Seele retten und ihr helfen einen sicheren Weg durch die Gefahren des existenziellen Lebens zu finden.
Wenn wir uns selbst eine Zeit lang beobachten, können wir vielleicht feststellen, dass wir manchmal recht tamas-artig, also grob und unstimmig agieren, dass wir in anderen Momenten rajas-artig, also engagiert und zielstrebig vorgehen und dass wir hin und wieder satva-artig, also sehr feinsinnig und meditativ gestimmt sind.
Es ist besser im Tamas-Zustand keine kreativen Projekte anzugehen. Denn jetzt kann viel daneben gehen und vermasselt werden. Der Rajas-Zustand hingegen eignet sich sehr für kreatives Schaffen und schöpferische Entfaltung. Der Satva-Zustand ist gut für Spiritualität, Muse und Inspiration.
Wir können die drei Gunas direkt im eigenen Atem wahrnehmen. Der Atem schwingt automatisch im Rhythmus der jeweiligen Lebensaktivität. Der Tamas-Atmen ist recht grobstofflich, unrhythmisch und unharmonisch. Der Rajas-Atem fließt dynamisch, vital und kraftvoll, der Satva-Atem schwingt harmonisch, subtil und ätherisch.
Der Atem ist die universelle Energiequelle des individuellen und kollektiven Fühlen, Denken und Handeln. Atem überträgt sich unbewusst von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk. Wenn wir bewusst atmen, können wir die Qualität der Gunas in uns verfeinern und uns von Umweltbeeinflussungen frei machen. Wir können die vitalen Energieströme der Sonne, des Mondes und der Planeten direkt empfangen und schöpferisch nutzen.
Wenn innen nicht wie außen ist
Ein spiritueller Meister sagte zu seinem Schüler: „Bitte geh auf den Markt und kaufe Gemüse für unser Abendessen. Gehe achtsam, atme bewusst und erinnere dich daran: Alles ist Eins, alles ist Gott.“ Der Schüler ging los und machte seine Gehmeditation, aber auf dem Marktplatz war ein großes Chaos. Ein durchgedrehter Elefant tobte umher und rannte plötzlich auf den Schüler zu. Der Schüler blieb stehen und dachte bei sich: ‚Alles ist Eins, alles ist Gott‘. Und der Elefant trampelte einfach über ihn hinweg.
Spät am Abend kam der lädierte Schüler zurück zu seinem Meister und erzählte ihm was geschehen war. Der Meister sprach: „Ich weiß, dass alles Eins, dass alles Gott ist. Du beginnst zu verstehen, dass alles Eins, dass alles Gott ist. Aber weiß das auch der Elefant?“
(Orientalische Geschichte)
Makrokosmos und Mikrokosmos sind eins. Persönliches, gemeinschaftliches und kollektives Schicksal sind interaktiv und interkarmisch. Wenn ein Einzelwesen oder eine Gruppe extrem agiert und Störungen sät, dann ernten alle etwas davon oder werden davon in Mitleidenschaft gezogen.
Es ist sicherlich hilfreich, bewusst den Satva-Rhythmus zu üben und den eigenen Mikrokosmos in universelle Harmonie zu bringen. Jedoch ist es ratsam, durchgedrehten Typen und chaotischen Umständen aus dem Weg gehen. Falls es sich hierbei um Partner, Freunde und Familienmitglieder handelt, dann kann man nicht immer aus dem Weg gehen oder sich abgrenzen.
In der astrologischen Beratung begegne ich oft Fällen, wo ein Klient hervorragend entwickelte Potentiale hat, wo aber seine Mitmenschen problematische Umstände schaffen. Hierfür gibt es keine astrologische, psychologische oder spirituelle Patentlösung. Jede Herausforderung, ob von innen oder von außen kommend, ist letztlich eine Art Prüfung um innen und außen in bessere Balance zu bringen.
Der Missbrauch von Himmel und Erde
>Sei erhaben, denn du bist aus dem Stoff der Sterne gemacht.
Sei bescheiden, denn du bist aus dem Stoff der Erde gemacht.<
Die heutige Welt ist außer Atem und außer Rand und Band. Wir befinden uns in einer tamas-verdächtigen globalen Dauerkrise. In vielen Ländern gibt es instabile Verhältnisse, Unruhen und diktatorische Tendenzen. Weltweit gewinnen ideologische, fanatische und populistische Kräfte an Zulauf und Macht. Gleichzeitig geht die ökologische Zerstörung unseres Planeten durch ausbeuterische Wirtschaftssysteme ungebremst voran. Die stets zunehmenden Umweltkatastrophen erreichen mancherorts apokalyptische Ausmaße. Für unseren kulturellen Konsum und Komfort missbrauchen und verschandeln wir Natur und Umwelt. Wir entehren die Bescheidenheit der Erde und entzaubern die Erhabenheit der Sterne.
Ständig werden neue Weltuntergänge prophezeit und die letzte Generation klebt sich radikal am Asphalt fest. Doch die nächste Generation ist schon geboren. Denn unsere Erdenmutter Gaya gibt nicht so schnell auf. Tatsächlich ist der Mensch ihr liebstes Kind.
Doch wann gibt es endlich bessere Zeiten? Wann gibt es wieder gute und hilfreiche Konstellationen am Himmel?
Es gibt sie schon längst und immer wieder. Inspirierende, innovative und transformierende Wendezeittransite sind in greifbarer Nähe. Doch wer nicht bewusst hinsehen will, kann auch nicht hören und nicht fühlen. Jede Himmelsenergie kann genutzt oder missbraucht werden. Sowohl die Gestirne als auch die Erde sind vor Missbrauch nicht geschützt. Himmel und Erde werden durch menschliche Verrücktheiten und Egoismen ausgenutzt. So muss man unnötig leiden, muss fühlen, muss hören und hinsehen bis dadurch hoffentlich ein verständnisreicheres Bewusstsein erwacht.
Das 21. Jahrhundert wird als die Zeit der großen Umweltzerstörungen und Naturkatastrophen in die Geschichte der Menschheit eingehen. Denn leider lernen viele Menschen nur über die schmerzlichen Auswirkungen. Erst danach oder nie verstehen sie die eigentlichen Ursachen und Zusammenhänge.
Eine alchemistische Atemübung
>Der Himmel gab mir sein Herz, weil er wusste, meines war nicht groß genug,
um sich so um die Erde zu kümmern, wie er es tat.<
(Rabia, arabische Mystikerin)
In jedem Menschenherz befindet sich eine (meist schlafende) Schöpfersonne, um Himmel und Erde harmonisch zu vereinen. Die Alchemisten und Mystiker haben Wege und Übungen geschaffen, das solare Herz des Menschen zu erwecken und zu erweitern, um die darin verborgene Essenz und Schöpferkraft für den persönlichen und universellen Zweck des Lebens zu nutzen.
Da wir heute in einer turbulenten Welt leben, sind spirituelle Übungen enorm hilfreich. Darum möchte ich an dieser Stelle eine alchemistische Atemübung vorstellen, die eine reinigende, harmonisierende und bestärkende Wirkung auf unsre Erdung, unser solares Herz und unsre Himmelsverbindung hat.
Erde-Herz-Himmel atmen
Schritt 1: Sitze aufrecht und atme die Energie der Erde durch dein Steißbein und Wurzelchakra ein und aus. Verbinde und verwurzele dich tief mit Mutter Erde.
Schritt 2: Atme weiterhin durch deine Wurzel ein und ins Herz und Herzchakra aus. Öffne und erweitere beim Ausatmen deinen Brustraum.
Schritt 3: Atme nur mit dem Herzen ein und aus. Atme, fühle, werde wie eine strahlende liebende Sonne.
Schritt 4: Atme weiterhin im Herzen ein und durch Kopf und Kronchakra in den Himmel aus. Verbinde dein persönliches Herz mit dem Universum.
Schritt 5: Atme nur durchs Kronchakra in den Himmel ein und aus. Werde zum reinen Empfänger und Vermittler der universellen Energien.
Schritt 6: Atme durch die Krone ein und im Herzen aus. Bringe den Himmel in dein Herz.
(Jeder Atemschritt dieser Übung sollte in deinem eigenen Rhythmus geschehen. Bleibe so lange dort, wie du es für stimmig fühlst und benötigst.)
Schlussworte
>Lass den Himmel sich auf der Erde spiegeln, Herr, damit die Erde zum Himmel werde.<
(Hazrat Inayat Khan, indischer Mystiker)
Wie oben so unten, wie innen so außen sind große hermetische und astrologische Leitsätze. Sie sind jedoch Potentialität und nicht sogleich Realität. Sie zeigen den Weg und das Ziel. Sie geben uns geistige Orientierung und spirituelles Vertrauen.
Auch wenn das Erdenschicksal düstere Seiten hat. Auch wenn Gaya wütend auf uns ist und die Elemente toben lässt. Auch wenn diese Welt zutiefst enttäuschend sein kann. Der Himmel enttäuscht uns nicht. Auf die Magie der Sterne ist Verlass. Wir müssen sie nur gut genug auf die Erde zaubern. Unser Dasein kann ein Stück Paradies sein. Machen wir eine Realität daraus!